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10. Oktober. 2016

Zöliakie – Wenn “Gluten-Free” nicht einfach nur ein Modebegriff ist

Es sei schlecht für die Verdauung und soll sogar Krankheiten hervorrufen. Innerhalb der Ernährungsindustrie entwickelte sich “Gluten-free” zu einem lukrativen Marketingbegriff – die Anti-Gluten-Hysterie war geboren. Doch schädlich sind die Klebereiweisse in Wirklichkeit nur für Personen mit Zöliakie – eine Unverträglichkeit, über die nebst dem ganzen Lärm vergleichsweise wenig gesprochen wird.

Besa muss schon seit einigen Jahren peinlich genau auf ihre Ernährung achten: “Bei mir wurde die Diagnose Zöliakie im Jahr 2000 festgestellt. Jahre zuvor plagte mich die Übelkeit.“ Erst eine Magenspiegelung bestätigte den Verdacht, der Ihr Hausarzt hegte. Für Zöliakiepatienten ist die Umstellung meist harte Arbeit und hat so gar nichts mit der Gluten-free-Angeberei auf Instagram zu tun. “Am Anfang nach der Diagnose ging ich nie auswärts essen, denn nicht jeder wusste, was Zöliakie ist. In einem Restaurant konnte ich nie etwas bestellen, weil es nicht sicher war, ob das Essen wirklich separat von allem anderen zubereitet wurde”.

Was für Aussenstehende nach einer harmlosen Unverträglichkeit klingen mag, ist in Wirklichkeit eine ernstzunehmende Einschränkung. Für Zöliakie gibt es bisher keine therapeutischen Massnahmen – nur absoluter Verzicht bringt die Sicherheit, symptomfrei und gesund zu leben. Schon kleinste Mengen Gluten können eine Autoimmunreaktion hervorrufen, welche als Folge die Dünndarmschleimhaut schädigt. Das einzig Wirkungsvolle ist eine strikte Ernährungsumstellung. Dies erfordert Disziplin und ein komplettes Umdenken. “Man ist schon ein bisschen eingeschränkt, du kannst nicht alles essen, was man dir anbietet”. Bei Ungewissheit, was wirklich in einem Gericht steckt, winkt sie lieber gleich ab. Bei Einladungen nicht zu wissen, was auf den Tisch kommt, lässt sie grundsätzlich unwohl fühlen. Verzicht heisst auch, früheren Lieblingsspeisen aus dem Weg zu gehen – in ihrem Falle die geliebten Gipfeli. Da müsse sie schon leer schlucken, wenn ihr Mann mal so eins esse.

Wie in vielen Forschungsfeldern gibt es auch im Gebiet der Lebensmittelunverträglichkeiten immer wieder neue Erkenntnisse. Derzeit steht jedoch fest, dass es nicht sinnvoll ist, ohne Zöliakie oder einer noch viel seltenerer auftretenden Weizenallergie gänzlich auf glutenhaltige Lebensmittel zu verzichten. Klar sollte man nicht bewusst Dinge zu Gemüte führen, die einem offenkundig nicht gut tun. Es ist jedoch ratsam, im Falle eines Verdachts zuerst ärztlich abzuklären, woher die Beschwerden tatsächlich stammen. Viel zu schnell wird heute mit dem Finger auf Gluten oder Laktose gezeigt und zum Mittel der Selbstdiagnose gegriffen.

Den Trend zu Essgewohnheiten, die denjenigen Ernährungsplänen von Menschen ähneln, die unter Lebensmittelunverträglichkeiten leiden, findet Besa ebenfalls fraglich – sie glaube nicht daran, dass es gesund sei, einfach so komplett auf normalerweise unbedenkliche Lebensmittel zu verzichten. Dennoch möchte sie kein Urteil fällen. Letztendlich sei das auch eine individuelle Entscheidung. Jedoch habe dieses erhöhte Bewusstsein für Lebensmittelunverträglichkeiten den Vorteil, dass Restaurants heute viel mehr darauf getrimmt seien, auch Alternativen für Personen mit Zöliakie anzubieten. Ausserdem müsse man sich mit der Zeit auch selber zu helfen wissen – ihr heisser Tipp ist es, immer vorauszudenken, wenn man eine Weile unterwegs ist: “Nehmt immer etwas Glutenfreies mit, wenn ihr unterwegs seid. Man weiss nie wie es kommt und wo man landet, und wie lange man unterwegs ist!”

Cheers,
Arbela